quinta-feira, 29 de janeiro de 2026

 

Die Unsichtbare Brücke

Manche Freundschaften machen keinen Lärm.
Sie verlangen keine ständige Nähe
und keine immer wiederholten Versprechen.
Sie bleiben einfach bestehen.

Im Jahr 1996 war die Welt noch klein.
Von Duas Barras nach Bom Jardim zu gehen, um zu lernen,
wirkte die Zukunft zu fern, um sie begreifen zu können.

Zwischen Gesprächen der Jugend
sprach ich von Ursprüngen:
von der Familie Wermelinger,
einem Namen, der Ozeane überquert hatte,
von einer Stadt namens Willisau in der Schweiz.

Victor hörte zu.

Die Jahre vergingen —
wie sie für alle vergehen.
Er ging in die Vereinigten Staaten.
Ich blieb hier.

Die Freundschaft änderte ihre Form,
doch sie zerbrach nicht.
Sie wurde still —
von jener Art, die keine künstliche Pflege braucht,
weil sie in Wahrheit gegründet wurde.

Wir sprachen selten.
Doch wenn wir sprachen, war es immer echt.

Dreißig Jahre später
unterrichtete Victor in Fribourg, in der Schweiz.

Irgendwann —
beim Gehen zwischen Bergen,
vor einer Landschaft, zu alt, um nur Kulisse zu sein —
erinnerte er sich.

Er erinnerte sich an den Nachnamen.
Er erinnerte sich an Willisau.
Und beschloss, dorthin zu gehen.

Er besuchte den Hof,
der einst meiner Familie gehörte.
Er betrat den Boden,
auf dem meine Vorfahren gelebt hatten.

Er machte Bilder, nahm Videos auf,
respektierte die Stille des Ortes.
Und dann zeigte er sie mir.

Die Schweiz, die meine Augen noch nicht gesehen haben,
sah ich durch die Freundschaft.

Doch es gab ein Detail, das mich tief traf:
Dort begegnete er einem Wermelinger.
Einem Fremden —
und zugleich keinem.

Derselbe Name,
fern und doch lebendig, gegenwärtig.
Als hätte die Erde selbst erkannt,
was einst von ihr fortgegangen war.

In diesem Moment verstand ich:
Manche Ursprünge verschwinden nicht.
Sie warten nur auf den richtigen Augenblick,
um sich erneut zu offenbaren.

Die Familie verließ die Schweiz.
Baute ihr Leben in Brasilien auf.
Das Blut überquerte den Atlantik.
Der Name durchquerte Generationen.

Jahrzehnte später
zeichnete eine Freundschaft,
geboren in einem einfachen Klassenzimmer,
den umgekehrten Weg nach —
und führte meine Erinnerung zurück zum Ursprung.

Nicht aus Zufall.
Sondern aus Kontinuität.

Familie ist das, was vor uns kommt.
Wahre Freundschaft ist das,
was mit uns geht —
selbst wenn die Zeit versucht, uns zu trennen.

Victor brachte mir nicht nur Bilder.
Er trug meine Geschichte dorthin,
wohin ich selbst noch nicht gehen konnte.

Und er gab mir etwas Seltenes zurück:
die Gewissheit, dass es Bande gibt,
die mit den Jahren nicht schwächer werden —
sondern reifen.

Zwischen Duas Barras und Willisau
existiert nun eine unsichtbare Brücke.
Gefertigt aus Erinnerung, Loyalität und Wahrheit.

Und diese Brücke…
die Zeit bringt sie nicht zum Einsturz.

Tiago Wermelinger
Duas Barras, 28.01.2026




A Ponte Invisível
Algumas amizades não fazem barulho.
Não exigem presença constante, nem promessas repetidas.
Elas simplesmente permanecem.
Em 1996, o mundo ainda era pequeno.
Saindo de Duas Barras para estudar em Bom Jardim,
o futuro parecia distante demais para ser compreendido.
Entre conversas de adolescência,
eu falava de origens: família Wermelinger,
um nome que atravessara oceanos,
uma cidade chamada Willisau, na Suíça.
Victor escutava.
Os anos passaram, como passam para todos.
Ele seguiu para os Estados Unidos.
Eu permaneci aqui.
A amizade mudou de forma, mas não se rompeu.
Ficou silenciosa — dessas que não precisam
de manutenção artificial,
porque foram construídas na verdade.
Falávamos pouco.
Mas quando falávamos, era sempre real.
Trinta anos depois,
Victor dava aulas em Friburgo, na Suíça.
Em algum momento — caminhando entre montanhas,
diante de um cenário antigo demais para ser apenas paisagem —
ele lembrou.
Lembrou do sobrenome.
Lembrou de Willisau.
E decidiu ir até lá.
Foi à fazenda que pertenceu à minha família.
Pisou no chão onde meus ancestrais viveram.
Registrou imagens, gravou vídeos,
respeitou o silêncio do lugar.
E então me mostrou.
A Suíça que meus olhos ainda não viram,
eu vi através da amizade.
Mas houve um detalhe que me atravessou:
ali, ele conheceu um Wermelinger.
Um desconhecido — e, ao mesmo tempo, não.
O mesmo nome ecoando longe, vivo, presente.
Como se a própria terra tivesse reconhecido
aquilo que um dia partiu.
Naquele instante compreendi:
certas origens não desaparecem.
Apenas aguardam o momento certo
para se revelarem novamente.
A família deixou a Suíça.
Construiu vida no Brasil.
O sangue cruzou o Atlântico.
O nome atravessou gerações.
Décadas depois,
uma amizade nascida numa sala simples de escola
refez o caminho inverso —
levando minha memória de volta à origem.
Não por acaso.
Por continuidade.
Família é aquilo que vem antes de nós.
Amizade verdadeira é aquilo que caminha conosco —
mesmo quando o tempo tenta nos separar.
Victor não me levou apenas imagens.
Levou minha história até onde eu ainda não pude chegar.
E me devolveu algo raro:
a certeza de que existem laços
que não enfraquecem com os anos —
amadurecem.
Entre Duas Barras e Willisau
existe agora uma ponte invisível.
Feita de lembrança, lealdade e verdade.
E essa ponte…
o tempo não derruba.
Tiago Wermelinger Duas Barras dia 28/01/2026

sábado, 21 de junho de 2025

Der Tag, an dem Zitronengras die Kindheit rettete

Duas Barras, Fazenda São Pedro, 1940er Jahre.
Die Zeit kroch langsam durch die Ritzen des Holzes, während sich die Gespräche der Erwachsenen in endlosen Tassen Kaffee und altbekannten Geschichten verloren. Auf der Veranda saß Onkel Nico – alt geworden, mit rotgeäderten Augen vom Lauf der Jahre – und empfing seine Nichte, die mit ihren Kindern auf Besuch kam. Sie reisten in einem Chevrolet von 1931 an, einem offenen Wagen mit Stoffverdeck und eiserner Seele.

Während die Erwachsenen plauderten, taten die beiden etwa sechsjährigen Jungen, was Kinder nun mal am besten können: Grenzen übersehen.
Sie kletterten in das alte Auto, als wäre es ein Spielzeug.
Dann — ein leises Klicken: die Handbremse war gelöst.
Das Auto setzte sich in Bewegung, rollte die kleine Anhöhe hinab, immer schneller, immer wilder.

Ein Abgrund lag vor ihnen. Das Unheil war greifbar nah.
Doch als wäre das Schicksal selbst noch milde gegenüber der Unschuld, stellte sich eine dichte Büschel Zitronengras der rollenden Katastrophe in den Weg — und brachte sie sanft, aber bestimmt zum Stillstand.

Nicht die Erwachsenen, sondern das Zitronengras bewahrte die Kinder vor dem Unglück.

An diesem Tag wurde die Fazenda nicht zur Stätte der Trauer, sondern zur lebendigen Erinnerung.
Onkel Nico sah dieses Gras danach nie wieder mit denselben Augen.
Und wer es miterlebte, vergaß es nie:
Kinder sind wild — und manchmal brauchen auch Schutzengel Unterstützung.

Und die Lehre daraus?
Kleine Kinder allein zu lassen heißt, das Unvorhersehbare einzuladen.
Und nicht immer steht ein Büschel Gras zwischen ihnen und dem Abgrund

Le Jour où la Citronnelle a Sauvé l’Enfance

Duas Barras, Ferme de São Pedro, années 1940.
Le temps s’écoulait lentement entre les lattes en bois, et les conversations d’adultes s’éternisaient autour de cafés chauds et d’histoires ressassées. Sur la véranda, oncle Nico — déjà âgé, les yeux rougis par les années — recevait une nièce venue lui rendre visite avec ses enfants, dans une Chevrolet 1931 décapotable à capote en toile et âme de fer.

Tandis que les adultes se perdaient dans leurs souvenirs, les deux petits garçons, âgés de six ans, faisaient ce que les enfants savent faire le mieux : ignorer les limites.
Ils grimpèrent dans l’ancienne voiture comme s’il s’agissait d’un jouet. Et puis, le bruit sec du frein à main relâché marqua le début de ce qui aurait pu être une tragédie.

La Chevrolet, désormais libre, commença à descendre la petite pente, prenant de la vitesse, emportée par l’insouciance enfantine. Le ravin droit devant promettait une fin amère, mais — comme si le destin avait encore un faible pour l’innocence — un massif de citronnelle touffue et obstinée arrêta la voiture avec une douceur défiant les lois de la physique.

Ce fut la citronnelle, pas les adultes, qui protégea ces enfants.

Ce jour-là, la ferme ne devint pas un lieu de deuil, mais de mémoire.
Oncle Nico ne regarda plus jamais cette touffe d’herbe de la même manière.
Et ceux qui vécurent cette scène ne l’oublièrent jamais : un enfant est espiègle — et même les anges gardiens ont parfois besoin d’un coup de main.

Morale ?
Laisser un petit enfant seul, c’est inviter l’imprévisible. Et il n’y a pas toujours un brin d’herbe entre eux et le précipice.