Die Unsichtbare Brücke
Manche Freundschaften machen keinen Lärm.
Sie verlangen keine ständige Nähe
und keine immer wiederholten Versprechen.
Sie bleiben einfach bestehen.
Im Jahr 1996 war die Welt noch klein.
Von Duas Barras nach Bom Jardim zu gehen, um zu lernen,
wirkte die Zukunft zu fern, um sie begreifen zu können.
Zwischen Gesprächen der Jugend
sprach ich von Ursprüngen:
von der Familie Wermelinger,
einem Namen, der Ozeane überquert hatte,
von einer Stadt namens Willisau in der Schweiz.
Victor hörte zu.
Die Jahre vergingen —
wie sie für alle vergehen.
Er ging in die Vereinigten Staaten.
Ich blieb hier.
Die Freundschaft änderte ihre Form,
doch sie zerbrach nicht.
Sie wurde still —
von jener Art, die keine künstliche Pflege braucht,
weil sie in Wahrheit gegründet wurde.
Wir sprachen selten.
Doch wenn wir sprachen, war es immer echt.
Dreißig Jahre später
unterrichtete Victor in Fribourg, in der Schweiz.
Irgendwann —
beim Gehen zwischen Bergen,
vor einer Landschaft, zu alt, um nur Kulisse zu sein —
erinnerte er sich.
Er erinnerte sich an den Nachnamen.
Er erinnerte sich an Willisau.
Und beschloss, dorthin zu gehen.
Er besuchte den Hof,
der einst meiner Familie gehörte.
Er betrat den Boden,
auf dem meine Vorfahren gelebt hatten.
Er machte Bilder, nahm Videos auf,
respektierte die Stille des Ortes.
Und dann zeigte er sie mir.
Die Schweiz, die meine Augen noch nicht gesehen haben,
sah ich durch die Freundschaft.
Doch es gab ein Detail, das mich tief traf:
Dort begegnete er einem Wermelinger.
Einem Fremden —
und zugleich keinem.
Derselbe Name,
fern und doch lebendig, gegenwärtig.
Als hätte die Erde selbst erkannt,
was einst von ihr fortgegangen war.
In diesem Moment verstand ich:
Manche Ursprünge verschwinden nicht.
Sie warten nur auf den richtigen Augenblick,
um sich erneut zu offenbaren.
Die Familie verließ die Schweiz.
Baute ihr Leben in Brasilien auf.
Das Blut überquerte den Atlantik.
Der Name durchquerte Generationen.
Jahrzehnte später
zeichnete eine Freundschaft,
geboren in einem einfachen Klassenzimmer,
den umgekehrten Weg nach —
und führte meine Erinnerung zurück zum Ursprung.
Nicht aus Zufall.
Sondern aus Kontinuität.
Familie ist das, was vor uns kommt.
Wahre Freundschaft ist das,
was mit uns geht —
selbst wenn die Zeit versucht, uns zu trennen.
Victor brachte mir nicht nur Bilder.
Er trug meine Geschichte dorthin,
wohin ich selbst noch nicht gehen konnte.
Und er gab mir etwas Seltenes zurück:
die Gewissheit, dass es Bande gibt,
die mit den Jahren nicht schwächer werden —
sondern reifen.
Zwischen Duas Barras und Willisau
existiert nun eine unsichtbare Brücke.
Gefertigt aus Erinnerung, Loyalität und Wahrheit.
Und diese Brücke…
die Zeit bringt sie nicht zum Einsturz.
Tiago Wermelinger
Duas Barras, 28.01.2026
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